Mallorca: Im Sattel der Electra Glide
Selbsterfahrung mit einer Harley-Davidson: Die gleißende Sonne Mallorcas scheint ins Gesicht. Außer einer wuchtigen Kontur im Schatten kann ich nichts erkennen. Doch sie steht dort im Halbdunkel: Die 72er Electra Glide. Orange, ein Schmuckstück. Gerade einmal 4.200 Originalkilometer gefahren und noch immer mit der ersten Zulassungsnummer aus Madrid. Die Aluminiumteile zwar etwas matt, die weiße Sitzbank durch die Sonne etwas ramponiert, leichte Harzspuren auf dem Benzinhahn und Oxidationsansätze auf Speichen und Felgen. Kein Grund zur Aufregung, höchstens zur Politur.
Druck auf den Starterknopf, ein kurzes Rütteln. Ein Blinzeln später ballert der Motor los und schüttelt die ganze Maschine durch. Die kolossale Dame wehrt sich wie ein aus dem Tiefschlaf gewecktes Fabeltier. Langsam geht’s mit der Harley auf die leicht ansteigende Straße nach Puerto Portals. Gleiten heißt die Maxime. Die aggressive Gangart verbietet sich von selbst. Hinter Puerto Portals zeigt sich die HD auf der Via Centura von ihrer besten Seite. Jetzt, wo die engen Gassen hinter mir liegen, ist es da: Das Gefühl, auf einer Harley zu thronen, sanft geschaukelt von der komfortablen Extrafederung des Sattels.
Im warmen Licht der Sonne verliert sich links der Hafen von Puerto Portals und wird von der breiten Bucht Palma Novas abgelöst. Kurz nach Andraitx geht es in die Berge. Die extrem schmale und kurvige Straße gibt den grandiosen Blick frei auf die Bucht von Andraitx, San Telmo und die Insel Dragonera. Für Serpentinenfahrten ist die Electra Glide ganz offensichtlich nicht konstruiert. Die breiten Fußbretter setzen trotz moderater Kurvenlage abwechselnd links und rechts auf. Bei einem Stahl gewordenen Traum wie diesem gewöhnt man sich jedoch schnell an bestimmte Charakterzüge.
Die Küstenstraße windet sich entlang der Berge. Wenig später geht es durch die engen, holprigen Gassen von Estellenc. In einem gemütlichen Cafe im Ortskern bekommen die strapazierten Arme eine Ruhepause. Kurz hinter Valldemossa und wieder mit Blick auf das Meer befindet sich einer der schönsten Aussichtspunkte an Mallorcas Westküste. Weiter unten ragt, umspült von schäumenden Wellen, “La Fornadada”, der berühmte Fels mit dem riesigen Loch in der Mitte, aus dem Meer. Im Schatten des Puig Major, des höchsten Berges von Mallorca, schlängelt sich die Straße zwischen Olivenhainen hinunter nach Soller.
Zur linken Hand ist bereits der malerische Naturhafen zu sehen. Im warmen Licht der maritimen Abendsonne mache ich mich dann auf den Rückweg ? wohlwissend, dass mir auf den kommenden 16 Kilometern und 52 Kurven zum Passo de Soller ein gutes Stück Arbeit bevorsteht.
<font Foto: Hans-Werner Nees</font
(ecada/Hans-Werner Nees)